BREAST · DR. DANIEL QAIYUMI
Über oder unter dem Muskel?
Eine der häufigsten Fragen vor einer Brustvergrösserung – und eine, auf die es keine allgemeingültige Antwort gibt. Körperbau, vorhandenes Brustgewebe und gewünschtes Ergebnis beeinflussen die Wahl der Implantatposition. Die richtige Technik beginnt mit der richtigen Indikation.
Neben der Frage nach der Implantatgrösse gehört die Frage nach der Implantatposition zu den häufigsten Themen in der Beratung zur Brustvergrösserung — und auch hier kursieren online viele vereinfachte Aussagen, die suggerieren, eine Position sei grundsätzlich die bessere oder gar sicherere. Tatsächlich handelt es sich um zwei unterschiedliche chirurgische Konzepte mit jeweils eigenen Vor- und Nachteilen, deren Eignung stark von der individuellen Anatomie, dem Lebensstil und dem gewünschten Ergebnis abhängt.
Weder die Position über dem Muskel noch die Position unter dem Muskel ist per se die überlegene Wahl. Beide lösen unterschiedliche anatomische Ausgangslagen unterschiedlich gut — und die Entscheidung sollte entsprechend individuell getroffen werden, nicht anhand einer allgemeinen Regel.
Was bedeutet „über dem Muskel"?
Bei der subglandulären Position wird das Implantat zwischen dem vorhandenen Brustdrüsengewebe und dem darunterliegenden grossen Brustmuskel platziert. Diese Position folgt in der Regel unmittelbar der natürlichen Form der Brust, da der Muskel selbst nicht beeinflusst wird und das Implantat direkt unter der Haut- und Drüsenschicht liegt.
Diese Position kann bei Patientinnen mit ausreichend vorhandenem Eigengewebe eine weichere, natürlichere Bewegung des Implantats ermöglichen, da der darüberliegende Brustmuskel nicht bei jeder Kontraktion Einfluss auf die Form nimmt. Sie eignet sich tendenziell weniger gut bei sehr wenig vorhandenem Eigengewebe, da das Implantat dann näher an der Hautoberfläche liegt und Konturen oder Ränder eher sichtbar oder tastbar werden können.
Was bedeutet „unter dem Muskel"?
Bei der submuskulären oder Dual-Plane-Position wird das Implantat ganz oder teilweise unter den grossen Brustmuskel platziert. Bei der vollständig submuskulären Position liegt das Implantat komplett unter dem Muskel; bei der heute häufiger verwendeten Dual-Plane-Technik wird der Muskel im oberen Bereich über dem Implantat belassen, im unteren Bereich jedoch teilweise gelöst, sodass sich das untere Drüsengewebe direkter über dem Implantat befindet.
Der zusätzliche Muskelgewebe-Layer über dem Implantat kann bei Patientinnen mit wenig vorhandenem Eigengewebe für eine weichere Kontur und einen natürlicheren Übergang im oberen Brustbereich sorgen, da der Muskel die Implantatränder zusätzlich abdeckt.
Warum vorhandenes Gewebe die Entscheidung mitbestimmt
Wie viel eigenes Brustgewebe vorhanden ist, gehört zu den wichtigsten Faktoren bei der Wahl der Implantatposition. Bei ausreichend vorhandenem Drüsen- und Fettgewebe kann eine subglanduläre Platzierung eine gute Abdeckung des Implantats bieten, ohne dass zusätzlicher Muskelgewebe-Schutz notwendig wäre. Bei sehr schlanken Patientinnen mit wenig Eigengewebe kann die zusätzliche Abdeckung durch den Muskel dagegen dazu beitragen, dass Implantatränder weniger sichtbar oder tastbar werden, besonders im oberen Brustbereich.
Das bedeutet nicht, dass eine subglanduläre Position bei wenig Gewebe grundsätzlich ausgeschlossen ist oder dass eine submuskuläre Position bei viel Gewebe automatisch unnötig wäre — es bedeutet, dass diese Abwägung Teil der individuellen Planung sein muss, statt einer festen Regel zu folgen.
Dabei spielt neben der reinen Gewebemenge auch die Beschaffenheit der Haut eine Rolle. Wie sichtbar oder tastbar Implantatränder werden, hängt nicht nur davon ab, ob der Muskel zusätzlich bedeckt, sondern auch davon, wie dünn oder elastisch die Haut selbst ist. Ein weiteres, verwandtes Phänomen ist das sogenannte Rippling — sichtbare oder tastbare Fältelung der Implantatoberfläche, die bei sehr dünner Haut und wenig eigenem Gewebe eher auftreten kann, unabhängig davon, ob das Implantat über oder unter dem Muskel liegt. Auch hier gilt: Die Implantatlage kann einen Unterschied machen, ist aber nur einer von mehreren Faktoren, die zusammen über das Ergebnis entscheiden.
Warum Sport bei der Entscheidung so wichtig ist
Ein häufig unterschätzter, aber entscheidender Faktor ist die individuelle körperliche Aktivität — insbesondere im Bereich des Krafttrainings. Bei einer submuskulären oder Dual-Plane-Position kann die Kontraktion des grossen Brustmuskels, etwa beim Bankdrücken oder ähnlichen Übungen, zu einer sichtbaren, meist vorübergehenden Verformung oder Verschiebung der Brust führen — ein Effekt, der als Animation Deformity bezeichnet wird. Im entspannten Zustand kann die Brust dabei vollkommen harmonisch aussehen; erst bei Anspannung des Muskels zeigt sich die Veränderung.
Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt stark vom Ausmass der körperlichen Aktivität ab. Eine Patientin, die gelegentlich joggt oder Yoga praktiziert, hat andere Voraussetzungen als eine Leistungssportlerin, eine CrossFit-Athletin oder eine Bodybuilderin mit stark trainierter Brustmuskulatur, bei der die Kontraktion des Pectoralis deutlich kräftiger und häufiger auftritt. Für manche Patientinnen spielt Animation Deformity im Alltag praktisch keine Rolle; für andere kann sie störend genug sein, um die Entscheidung massgeblich zu beeinflussen.
Gleichzeitig lässt sich das nicht auf eine einfache Regel reduzieren. Genau eine sehr schlanke, sportlich aktive Patientin kann gleichzeitig wenig eigenes Brustgewebe besitzen — wodurch die zusätzliche Muskeldeckung aus Gewebe-Sicht durchaus Vorteile hätte, obwohl dieselbe Muskelaktivität aus Trainingssicht eher gegen eine submuskuläre Position spricht. Sportlich bedeutet deshalb nicht automatisch „über den Muskel", und schlank bedeutet nicht automatisch „unter den Muskel" — beide Faktoren müssen für die individuelle Patientin gegeneinander abgewogen werden, nicht nacheinander abgehakt.
Was für Mammographie und medizinische Untersuchungen relevant ist
Ein weiterer praktischer Aspekt betrifft die spätere Bildgebung, etwa im Rahmen der regulären Mammographie-Vorsorge. Implantate, die unter dem Muskel liegen, können bei bestimmten Untersuchungstechniken tendenziell eine etwas bessere Darstellung des dahinterliegenden Brustgewebes ermöglichen, da das Implantat und das Drüsengewebe durch den Muskel stärker voneinander getrennt sind.
Das bedeutet nicht, dass eine subglanduläre Position eine adäquate Mammographie-Untersuchung grundsätzlich verhindert — spezialisierte Techniken können beide Implantatpositionen angemessen darstellen. Dennoch ist dieser Aspekt einer der Gründe, warum manche Ärztinnen und Ärzte bei der Beratung auch die spätere Vorsorgeuntersuchung ansprechen, besonders bei Patientinnen mit familiärer Vorbelastung.
Ist eine Position grundsätzlich sicherer als die andere?
Auch diese verbreitete Aussage ist zu pauschal. Beide Implantatpositionen haben spezifische Vor- und Nachteile, aber keine ist per se die sicherere Wahl. Welche Risiken im individuellen Fall relevant sind, hängt von mehreren Faktoren ab und sollte im persönlichen Beratungsgespräch besprochen werden — eine Position sollte nicht gewählt werden, weil sie allgemein als „sicherer" oder „moderner" gilt, sondern weil ihre konkreten Vorteile für die jeweilige Patientin relevant und ihre Nachteile akzeptabel sind.
Warum Chirurginnen und Chirurgen unterschiedliche Präferenzen haben
In der Brustchirurgie gibt es nicht nur einen funktionierenden Weg. Chirurginnen und Chirurgen sammeln über Jahre Erfahrung mit bestimmten Techniken und entwickeln daraus eigene Konzepte — das ist grundsätzlich nicht problematisch. Entscheidend ist jedoch, dass die Technik nicht unabhängig von der individuellen Patientin gewählt wird.
Eine gute Beratung erklärt nicht nur, welche Position gewählt wird, sondern warum — nicht „so mache ich es immer", sondern eine Begründung, die sich konkret auf die vorliegende Anatomie bezieht. Dieser Unterschied ist ein guter Massstab dafür, wie individuell eine Beratung tatsächlich ist.
Warum es keine grundsätzlich überlegene Position gibt
Die Wahl zwischen subglandulärer und submuskulärer Position lässt sich nicht pauschal zugunsten einer der beiden Optionen entscheiden. Beide haben in bestimmten anatomischen und persönlichen Situationen klare Vorteile und in anderen ebenso klare Einschränkungen. Eine schlanke Patientin mit sehr wenig Eigengewebe, die intensiv Krafttraining betreibt, steht vor einer anderen Abwägung als eine Patientin mit mehr vorhandenem Gewebe und wenig sportlicher Oberkörperbelastung — und beide können mit unterschiedlichen Positionen zu einem für sie passenden Ergebnis kommen.
Fazit
Weder die Position über noch unter dem Muskel ist grundsätzlich die bessere oder sicherere Wahl. Vorhandenes Eigengewebe, Hautbeschaffenheit, individuelle Bildgebungs-Prioritäten und vor allem das Ausmass und die Art der körperlichen Aktivität bestimmen gemeinsam, welche Position für eine bestimmte Patientin sinnvoll ist. Eine gute Beratung erklärt beide Konzepte, ihre jeweiligen Stärken und Einschränkungen, begründet die Empfehlung konkret anhand der individuellen Anatomie und des Lebensstils — und nicht anhand einer pauschalen Regel, welche Position generell überlegen sei.
Neben der Implantatposition ist die Implantatgrösse eine der häufigsten Fragen in der Beratung — mehr dazu in unserem Artikel „Wie gross ist zu gross?"
Mehr zu unserem Vorgehen finden Sie auf unserer Seite zur Brustvergrösserung, oder vereinbaren Sie gerne eine private Konsultation.
Häufig gestellte Fragen
Ist eine Position unter dem Muskel grundsätzlich natürlicher als über dem Muskel?
Nein. Beide Positionen können bei passender Anatomie ein natürliches Ergebnis liefern. Welche Position geeigneter ist, hängt von vorhandenem Gewebe, Hautbeschaffenheit und individuellen Prioritäten ab.
Was ist die Dual-Plane-Technik?
Eine Variante der submuskulären Position, bei der der Muskel im oberen Bereich über dem Implantat belassen wird, im unteren Bereich jedoch teilweise gelöst wird, sodass sich das untere Drüsengewebe direkter über dem Implantat befindet.
Beeinflusst Krafttraining die Wahl der Implantatposition?
Ja, und zwar erheblich. Bei einer submuskulären Position kann die Kontraktion des Brustmuskels zu einer sichtbaren, meist vorübergehenden Verformung der Brust führen (Animation Deformity), die bei intensivem Oberkörpertraining deutlich stärker ins Gewicht fällt als bei gelegentlicher sportlicher Aktivität.
Ist eine Implantatposition grundsätzlich sicherer als die andere?
Nein. Beide Positionen haben spezifische, aber keine grundsätzlich überlegenen Sicherheitsprofile. Welche Risiken relevant sind, hängt vom Einzelfall ab.
Was ist Rippling?
Sichtbare oder tastbare Fältelung der Implantatoberfläche, die vor allem bei dünner Haut und wenig eigenem Gewebe auftreten kann — unabhängig davon, ob das Implantat über oder unter dem Muskel liegt.
Ist eine Mammographie bei Implantaten unter dem Muskel einfacher?
Implantate unter dem Muskel können bei bestimmten Untersuchungstechniken eine etwas bessere Darstellung des Brustgewebes ermöglichen. Spezialisierte Techniken können jedoch beide Positionen angemessen darstellen.
Kann die Implantatposition später gewechselt werden?
In bestimmten Situationen kann im Rahmen einer Revisionsoperation die Implantattasche verändert werden. Ob dies sinnvoll und technisch möglich ist, hängt von der individuellen Ausgangssituation ab.
